Porträt Pia Misteli: Von der Steinbildhauerin zur Brückenbauerin

Die ersten Bauwerke von Pia Misteli hatten eine eher ungewöhnliche Kundschaft: Weinbergschnecken. Bereits im Vorschulalter organisierte sie sich grosse Kartonschachteln aus der nahegelegenen Schreinerei, baute daraus Mehrfamilienhäuser und verteilte darin die am Waldrand gesammelten Schnecken. Der Erfolg hielt sich allerdings in Grenzen. «Zu meiner Verwunderung zogen diese in der ersten Nacht wieder aus», erzählt sie. Der Freude am Bauen hat die frühe Erfahrung keinen Abbruch getan. Heute plant Pia Misteli keine Häuser mehr für Schnecken, sondern kümmert sich als Projektleiterin Kunstbauten beim Amt für Verkehr und Tiefbau (AVT) um Brücken, Durchlässe und weitere Bauwerke entlang der Kantonsstrassen.

Der Weg dorthin verlief alles andere als geradlinig. Misteli absolvierte zunächst eine Lehre als Steinbildhauerin und zwei Jahre später eine Zusatzlehre als Maurerin. Nach insgesamt rund acht Jahren auf dem Bau holte sie die Matura nach und studierte Bauingenieurwesen an der Fachhochschule. «Als ich die Matura nachgeholt habe, hat mir Mathematik ziemlich zugesagt. So entschied ich mich für das Ingenieurstudium.» Nach fünf Jahren in einem kleinen Ingenieurbüro, wo sie sowohl im Hoch- als auch im Tiefbau tätig war, wechselte sie 2022 zum AVT.

Was sie am Ingenieurberuf fasziniert, geht für Misteli weit über einzelne Bauwerke hinaus. Es ist die Bedeutung der Infrastruktur für den Alltag. «Wenn ich morgens aufstehe, beziehe ich Trinkwasser, Strom und Daten und dusche warm, bevor ich aus dem Haus gehe. Wenn Schnee fällt, ist mein Arbeitsweg geräumt. Allerhand Abfall wird vor der Haustüre abgeholt. Eigentlich ist das grossartig, finde ich.»

Kunstbauten haben nichts mit Kunst zu tun

Beim AVT arbeitet Misteli in der Abteilung Kunstbauten. Und eine Sache stellt sie gleich klar: «Kunstbauten haben nichts mit Kunst zu tun.» Der Begriff umfasst Bauwerke wie Brücken, Durchlässe oder Stützmauern, die Bestandteil der Verkehrsinfrastruktur sind. Die Abteilung stellt den baulichen und betrieblichen Unterhalt dieser Bauwerke entlang des Kantonsstrassennetzes sicher. Weist ein Objekt Mängel auf, wird ein Sanierungs- oder Erneuerungsprojekt gestartet. Befindet sich ein Kunstbau in einem Strassenabschnitt, der ohnehin saniert wird, begleitet die Abteilung das entsprechende Strassenbauprojekt.

Misteli betreut mehrere Projekte gleichzeitig und entsprechend abwechslungsreich gestaltet sich ihr Arbeitsalltag. Während sich ein Projekt bereits in der Ausführung befindet, steckt ein anderes noch in der Planung, im Bewilligungsverfahren oder in der Submission. Nicht jedes Projekt entwickelt sich gleich. «Während einige rund laufen, bereiten andere, gelinde gesagt, Kopfzerbrechen.» Einen ganzen Tag lang am gleichen Projekt zu arbeiten, komme deshalb eher selten vor. «Monoton ist diese Arbeit eigentlich nie.»

Besonders gerne mag Misteli den Anfang eines Projekts. Dann gilt es, ein Bauwerk zu beurteilen und herauszufinden, welche Massnahmen sinnvoll und verhältnismässig sind, wer vom Vorhaben betroffen ist und welche unterschiedlichen Ansprüche berücksichtigt werden müssen. Genau dieses Abwägen und Entwickeln von Lösungen macht für sie einen besonderen Reiz der Arbeit aus.

200 Jahre alte Brücke als erstes Projekt

Eines ihrer ersten Projekte beim AVT ist Misteli besonders in Erinnerung geblieben: die Sanierung einer rund 200 Jahre alten Steinbogenbrücke. Ihre Begründung dafür fällt kurz aus: «Am Ergebnis hat mir einfach alles gefallen.»

Aktuell beschäftigen sie unter anderem zwei grössere Projekte in der Planungsphase. Bei einem rund 350 Meter langen Veloweg müssen zwei neue Brücken realisiert werden. Bei einem weiteren Projekt geht es um die Instandsetzung eines rund 250 Meter langen Abschnitts einer Passstrasse, verbunden mit einer aufwendigen Bachausdolung. Auf einen Moment freut sie sich dabei bereits besonders: den späteren Einschub der beiden Velobrücken.

Bis es jeweils so weit ist, braucht es allerdings Geduld. Was Aussenstehende an ihrem Beruf häufig unterschätzen, sei, wie viel Zeit die Planung und Bewilligung eines Projekts beanspruchen könne. Hinzu kommt die Vielzahl der Beteiligten. Gemeinden, Anwohnende, Eigentümerinnen und Eigentümer angrenzender Grundstücke, Werkeigentümer sowie verschiedene kantonale Fachstellen können je nach Projekt involviert sein.

Dabei helfen Eigenschaften, die Misteli für ihre Arbeit als zentral erachtet: Kompromissfähigkeit, Flexibilität und Offenheit für die Anliegen und Ideen anderer. Kompromissbereitschaft habe allerdings auch Grenzen. «Es ist wichtig, sich immer bewusst zu sein, wessen Interessen man vertritt, nämlich die der Allgemeinheit.»

Von der Männerbastion zur Ingenieurin

Mit Steinbildhauerei, Maurerberuf und Bauingenieurwesen hat sich Pia Misteli gleich mehrfach für Berufsfelder entschieden, in denen Frauen lange eine Ausnahme waren und teilweise noch immer sind. Auf die Feststellung, Ingenieurberufe würden als männerdominiert gelten, reagiert sie entsprechend trocken: «Was meinst du mit gelten? Sie sind männerdominiert.»

Überrascht habe sie diese Situation beim Einstieg ins Ingenieurwesen allerdings nicht mehr. Nach der Steinbildhauerei und dem Bau sei sie entsprechend «vorabgeklärt» gewesen. Einen Vorteil sieht sie mit einem Augenzwinkern trotzdem: «Du freust dich immer, wenn du einer Frau im Arbeitsalltag begegnest.»

Verändert habe sich die Situation durchaus. Anfang der 2000er-Jahre seien Passantinnen und Passanten noch an der Baustellenabschrankung stehen geblieben, wenn sie eine Frau auf der Baustelle gesehen hätten. Heute habe man sich stärker an Frauen in technischen Berufen gewöhnt.

Misteli sieht darin auch einen Gewinn für die Branche. Frauen brächten häufig ein ausgeprägtes Interesse an Kooperation und Kommunikation mit. Gerade bei komplexen Projekten mit vielen Beteiligten sind diese Fähigkeiten gefragt. Dass technische Kompetenz und Kommunikation zusammengehören, zeigt sich schliesslich auch in ihrem eigenen Arbeitsalltag: Gute Lösungen entstehen selten allein am Schreibtisch.

Offen für fast alles

So vielseitig wie ihr beruflicher Werdegang ist auch Mistelis Freizeitgestaltung. Auf ein bestimmtes Hobby möchte sie sich jedenfalls nicht festlegen. «Ich interessiere mich für vieles. Wenn du mir jetzt sagen würdest, dass du Hobby-Horsing oder Wrestling betreibst und fragst, ob ich mal mitkommen möchte, würde ich sagen: Ja klar, bin dabei!»

Beim Abschalten von der Arbeit sieht sie dagegen noch Entwicklungspotenzial. Sie denke häufig auch ausserhalb der Arbeitszeit an ihre Projekte, störe sich daran aber nicht besonders. Wichtig sei ihr vielmehr, ihr Umfeld damit nicht zu behelligen. Schliesslich interessiere sie sich beim Treffen mit einem Banker oder einer Buchhalterin auch nicht unbedingt dafür, «was die während der Arbeit so treiben».

Ein paar Dinge stehen für Pia Misteli dennoch fest: Ohne Kaffee wäre sie nach eigener Einschätzung «kaum überlebensfähig», den Sommer mag sie bis exakt 32 Grad Celsius, die Berge findet sie schön und das Meer «umwerfend». Und für ein gelungenes Wochenende braucht es vor allem eines: «Chabis u Chöli».

Amt für Verkehr und Tiefbau

Rötihof
Werkhofstrasse 65
4509 Solothurn

Öffnungszeiten:

Montag - Freitag
07:30 - 12:00 / 13:30 - 17:00