Wie entsteht eigentlich ein Buskonzept?
Wer kennt es nicht: Der erste Bus kommt pünktlich am Bahnhof an, doch der Anschluss ist gerade weg. Oder eine Buslinie fährt zwar durchs Quartier, aber nicht zu jener Zeit, zu der man sie für den Arbeitsweg benötigt. Was für Fahrgäste im Alltag selbstverständlich wirken soll, ist im Hintergrund das Ergebnis einer komplexen Planung.
Ein Buskonzept legt fest, wie das Busnetz in einem bestimmten Gebiet organisiert ist. Es bestimmt unter anderem, welche Linien verkehren, wie häufig die Busse fahren, welche Haltestellen bedient werden und wie die Anschlüsse an Bahn und andere Buslinien funktionieren. Das Ziel klingt einfach: Die Fahrgäste sollen ihre Ziele möglichst unkompliziert, zuverlässig und effizient erreichen. Der Weg dorthin ist es allerdings nicht.
Warum braucht es überhaupt neue Buskonzepte?
Ein Busnetz kann nicht einmalig geplant und anschliessend über Jahrzehnte unverändert betrieben werden. Gemeinden entwickeln sich, neue Wohnquartiere entstehen, Unternehmen schaffen Arbeitsplätze und Schulen oder Freizeiteinrichtungen verändern die Verkehrsströme. Gleichzeitig ändern sich Bahnfahrpläne, das Mobilitätsverhalten und die politischen sowie finanziellen Rahmenbedingungen.
Deshalb werden Buskonzepte für einen mittelfristigen Zeithorizont entwickelt und bei Bedarf überprüft. Ein konkreter Auslöser kann beispielsweise ein neues Entwicklungsgebiet sein. Ebenso können eine ungenügende Auslastung bestehender Angebote, Probleme im heutigen Verkehrsnetz oder Veränderungen beim übergeordneten Bahnangebot eine neue Planung notwendig machen.
Daten bilden die Grundlage
Am Anfang eines Buskonzepts steht deshalb nicht die Frage, wo künftig ein Bus fahren soll, sondern zunächst eine umfassende Analyse. Die Planerinnen und Planer betrachten unter anderem Fahrgastzahlen, Bevölkerungsentwicklung und Pendlerströme. Sie untersuchen neue Wohn- und Arbeitsgebiete, Schulstandorte, bestehende Angebote und Bahnfahrpläne. Auch Rückmeldungen aus der Bevölkerung, politische Vorgaben und die sogenannte ÖV-Güteklasse eines Gebietes fliessen in die Beurteilung ein.
Aus diesen Grundlagen entsteht Schritt für Schritt ein neues Konzept. Im Kanton Solothurn arbeitet das Amt für Verkehr und Tiefbau (AVT) dabei in der Regel mit spezialisierten Planungsbüros und zahlreichen weiteren Beteiligten zusammen. Zunächst werden die Grundlagen aufbereitet und die Rahmenbedingungen definiert. Anschliessend folgt die eigentliche Analyse, aus der verschiedene Varianten für das künftige Angebot entstehen.
Diese Varianten werden gemeinsam beurteilt, weiterentwickelt und miteinander verglichen. Bei grösseren Buskonzepten werden Gemeinden und weitere Beteiligte bereits während der Bearbeitung intensiv einbezogen. Hinzu können Mitwirkungsverfahren kommen, bei denen sich weitere Interessierte zu den vorgesehenen Veränderungen äussern können.
Das beste Angebot ist nicht automatisch das grösste Angebot
Bei der Planung gilt es, verschiedene Ziele miteinander in Einklang zu bringen. Gute Anschlüsse, kurze Reisezeiten und eine zuverlässige Erschliessung sind ebenso wichtig wie die Wirtschaftlichkeit des Angebots.
Genau hier beginnen die Zielkonflikte. Eine direkte Buslinie bietet möglicherweise eine attraktive Reisezeit, erschliesst dafür aber weniger Quartiere. Eine zusätzliche Schlaufe verbessert die Erreichbarkeit, verlängert jedoch die Fahrzeit für alle Fahrgäste im Bus. Ein dichterer Takt wäre aus Sicht der Fahrgäste attraktiv, verursacht aber zusätzliche Kosten.
Aktuell kommt eine weitere Herausforderung hinzu: Die Kosten des öffentlichen Verkehrs sind plafoniert. Änderungen am Angebot dürfen deshalb grundsätzlich nicht zu höheren Ausgaben führen. Ein Ausbau an einer Stelle setzt entsprechend Einsparungen an einer anderen Stelle voraus, sofern nicht die politischen Voraussetzungen für zusätzliche finanzielle Mittel geschaffen werden.
Die Kunst eines guten Buskonzepts besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Wünsche zu erfüllen. Entscheidend ist vielmehr, einen Kompromiss zu finden, der das Gesamtsystem verbessert, wirtschaftlich tragbar ist und von den beteiligten Akteuren mitgetragen werden kann.
Viele Beteiligte sitzen mit am Tisch
Ein Buskonzept entsteht nicht alleine im AVT. Je nach Projekt arbeiten Planungsbüros, Transportunternehmen, Gemeinden, Regionalplanungsverbände und verschiedene kantonale Fachstellen zusammen. Bei Bedarf kommen Nachbarkantone, der Bund und weitere projektspezifische Partner hinzu.
Eine besonders wichtige Rolle spielen die Gemeinden. Sie kennen die Entwicklung vor Ort und die Bedürfnisse ihrer Bevölkerung. Gleichzeitig beteiligen sie sich im Kanton Solothurn an den Kosten des öffentlichen Verkehrs. Entsprechend werden sie angehört und aktiv in die Planung einbezogen. Die Abstimmung erfolgt beispielsweise über Projekt- und Begleitgruppen, Workshops, bilaterale Gespräche oder Mitwirkungsverfahren.
Dass dabei unterschiedliche Vorstellungen aufeinandertreffen, gehört zum Prozess. Selten können sämtliche Wünsche erfüllt werden. Wichtig ist deshalb, die verschiedenen Interessen aufzunehmen, Prioritäten festzulegen und nachvollziehbar aufzuzeigen, weshalb bestimmte Anliegen umgesetzt werden können und andere nicht. Das übergeordnete Ziel bleibt ein attraktives, wirtschaftliches und bedarfsgerechtes Angebot im Bus- und Bahnverkehr.
Mit dem Konzept ist die Arbeit noch lange nicht beendet
Steht nach Variantenstudium und Mitwirkung ein Konzept fest und sind die vorgesehenen Massnahmen finanziell im Globalbudget ÖV verankert und verabschiedet, beginnt die eigentliche Umsetzung. Und auch diese benötigt Zeit.
Müssen beispielsweise neue Bushaltekanten gebaut, zusätzliche Fahrzeuge beschafft oder neue Fahrerinnen und Fahrer rekrutiert werden, ist ein entsprechender zeitlicher Vorlauf notwendig. Auch Liniennummern oder Linienbezeichnungen können sich ändern.
Die Transportunternehmen erstellen neue Fahr- und Dienstpläne, passen die Kundeninformationen und Haltestellenbeschriftungen an und schulen ihr Personal. Gleichzeitig muss abgeschätzt werden, wie stark einzelne Kurse künftig ausgelastet sein werden und ob beispielsweise zu bestimmten Zeiten Verstärkungsfahrten notwendig sind. Auf Seiten des Kantons können wiederum Anpassungen an Lichtsignalanlagen erforderlich sein, damit Busse an wichtigen Knoten weiterhin priorisiert werden können. Bis kurz vor der Einführung eines neuen Angebots können sich zudem nochmals Anpassungen am Fahrplan ergeben.
Rund zwei Jahre Planung für einen neuen Fahrplan
Wie aufwendig dieser Prozess ist, zeigen einige Zahlen: Die Planung eines Buskonzepts dauert je nach Umfang ungefähr eineinhalb bis zweieinhalb Jahre. Bei grösseren Projekten finden rund drei bis fünf Sitzungen der Begleitgruppe sowie zusätzliche Sitzungen der Projektgruppe statt. Bei einer öffentlichen Mitwirkung gehen je nach Grösse und Umfang der Veränderungen etwa fünf bis 50 Stellungnahmen ein.
Allein im Kanton Solothurn ist der Kanton als Haupt- oder Mitbesteller an rund 120 Linien des öffentlichen Verkehrs beteiligt. Über sämtliche Verkehrsmittel hinweg gibt es rund 750 Haltestellen. Änderungen, die im Fahrplanverfahren im Juni angemeldet werden, können frühestens mit dem Fahrplanwechsel am zweiten Wochenende im Dezember umgesetzt werden.
Ein besonders langfristiges Beispiel ist das neue Buskonzept für die Region Solothurn. Die Arbeiten daran starteten bereits 2021. Erste Anpassungen wurden zwischenzeitlich vorgenommen. Weitere Schritte in Richtung Zielkonzept sollen nach heutiger Planung ab Dezember 2028 folgen, unter Vorbehalt der notwendigen politischen Beschlüsse.
Die Anforderungen werden weiter steigen
Mit dem Bevölkerungswachstum und dem zunehmenden Verkehr wird die Bedeutung einer guten Busplanung weiter zunehmen. Dabei genügt es nicht, Buslinien isoliert zu betrachten. Entscheidend sind funktionierende Mobilitätsketten: vom Fussweg zur Haltestelle über die Busfahrt und den Anschluss an den Zug bis zum letzten Abschnitt des Weges. Gleichzeitig muss die notwendige Infrastruktur mit dem Angebot abgestimmt werden.
Am Ende soll von dieser ganzen Arbeit möglichst wenig zu spüren sein. Im Idealfall kommt der Bus, die Anschlüsse funktionieren und die Fahrgäste erreichen zuverlässig ihr Ziel. Dass dies nicht immer reibungslos gelingt, liegt auch daran, dass Busse den Strassenraum mit dem übrigen Verkehr teilen und zahlreiche Faktoren die Pünktlichkeit beeinflussen können.
Hinter jedem funktionierenden Fahrplan stehen deshalb nicht nur Daten, Analysen und Konzepte, sondern auch viele Menschen. Planerinnen und Planer schaffen die Voraussetzungen. Entscheidend sind aber ebenso die Mitarbeitenden der Transportunternehmen, die Tag für Tag dafür sorgen, dass aus dem Konzept auf dem Papier ein funktionierendes Angebot für die Fahrgäste wird.
Amt für Verkehr und Tiefbau
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